Angedacht

Editorial aus dem aktuellen Gemeindebrief "Marienwerder Bote" Nr. 584

Marienwerder Bote
Bote 584

Liebe Leserinnen und Leser, 

auf dem Titelbild dieser Ausgabe sehen Sie eine aus Holz geschnitzte Figur. Sie betet. Sie ist ganz konzentriert auf ihr Tun. Die Falten in ihrem schlichten Gewand zeigen ein Kreuz. Das Kreuz erinnert an Jesus Christus.

Diese Skulptur stellt sehr wahrscheinlich eine Marienfigur dar. Sie ist ein Stück Geschichte der Marienkirche Leipzig-Stötteritz und steht dort in der Sakristei. Vielleicht war sie einmal Teil einer Kreuzigungsgruppe, so wie die ca. 800 Jahre alte Marienfigur in unserer Klosterkirche hier in Marienwerder. Diese Maria aus Stötteritz wirkt in sich gekehrt, konzentriert und erlöst. Und so nehme ich an, wird zu ihr auch eine Christusfigur am Kreuz gehört haben, die mit segnender Haltung ebenfalls erlöst und freundlich dargestellt war – typisch für die Zeit der frühen Romanik.

Die lutherische Gemeinde in Stötteritz ist Partnergemeinde von Marienwerder.

In Stötteritz stand im Mittelalter eine Kirche, die zu einem Rittergut gehörte. Um das Gut herum gab es keine weitere Bebauung, so wie es auch um das Klostergut in Marienwerder herum keine Bebauung gegeben hat. Aus ehemaligen Gutshöfen, abgelegen von der Stadt, sind heute ganze Stadtteile der Großstädte Leipzig und Hannover gewachsen.

Über die Jahrhunderte hat sich viel verändert, aber das Gebet ist geblieben. Die beiden Marienfiguren sind Zeugen alter Zeiten. Sie sind Hilfe zum Gebet: Maria aus Stötteritz steht in Ruhe da, kontemplativ, die Augenlider gesenkt. Maria aus Marienwerder (spät-romanisches Schnitzwerk) steht da mit ringenden Händen und offenen Augen, neben ihrem gekreuzigten Sohn, den Drachen (Symbol für das Böse), unter ihren Füßen.

Maria in Stötteritz hilft dem Betrachter, die Außenwelt abzuschirmen und im Gebet zu ruhen. Maria in Marienwerder hilft dem, der innerlich aufgewühlt ist. Sie hilft, dass das Böse keine Macht über den Betrachter bekommt und der eigene Kontakt zu Gott nicht abreißt.

Liebe Leserinnen und Leser, wenn Sie in diesem Sommer unterwegs sind und in die eine oder andere Kirche hineingehen, lassen Sie sich inspirieren von den Glaubenszeugnissen aus alten Zeiten, wie diese beiden Marienfiguren – sie sind uns Hilfe zum Leben.

Herzliche Grüße
Ihre

Pastorin Judith Augustin