Marienwerder 2002

Besuch aus Tansania 20.08. - 02.09.2002

von links nach rechts:
Pastor Abide Kaanango, Gemeinde Magadini
Frau Damasi Dustan Kilawe, Gemeinde Msitu wa Tembo

Frau Rehema Saidi Maeda, Gemeinde Kiyungi
Herr Rodgers Jackson Mmari, Gemeinde Chekereni
Evangelist Godwin Mlay, Gemeinde T.P.C

Wir hatten eine großartige Delegation aus Arushachini und Chemchem bei uns, und mit ihr eine dicht gepackte, intensive Begegnungszeit. Allen Gastgeberinnen und Gastgebern, allen, die sich am Programm beteiligt haben, sei noch einmal ganz herzlich gedankt!

Die Besuchergruppe war sehr gut vorbereitet und hatte sich auch gründlich organisiert. Nicht alle waren des Englischen mächtig, also sorgten die anderen dafür, dass genau ins Kiswahili übersetzt wurde und niemand zu kurz kam. Das kostete sicher Zeit, vertiefte aber den Austausch.

Dieser Bericht versucht, das Wichtigste zusammenzufassen. 

1. Zu den Gemeinden:

Es gibt viele Bauvorhaben. Viele Kirchen sind angefangen und müssen nun ein Dach haben, Fenster und Sitzbänke; an einigen Orten gibt es noch überhaupt kein Kirchgebäude, was die Menschen als sehr ärmlich und auch demütigend empfinden. Die miserable Finanzlage hindert oft daran, Bauten fertig zu stellen oder Kapitel für einen Bau zu sammeln.

Das Gemeindeleben ist überall rege, der Wunsch nach Kirchen kommt nicht zuletzt durch das Wachstum der Gemeinden. Oft reichen die alten Kirchen nicht mehr, sie sind zu klein. Hauptamtlich arbeiten in den Gemeinden 5 Pastoren, 21 Evangelisten und 2 parish worker (entspricht etwa einer kirchlichen Sozialarbeiterin). Ehrenamtlich: unzählige Kirchenvorstandsmitglieder, Chorleiterinnen und Chorleiter, Leiterinnen der Frauengruppen, Kindergottesdienst - Mitarbeiterinnen und –mitarbeiter, Komiteemitglieder…

Religionen und Konfessionen: Das Bild ist durchweg friedlich. Mit anderen christlichen Konfessionen (Katholiken, Anglikanern, Herrnhutern, Pfingstlern) gibt es Zusammenarbeit, man jagt sich aber jedenfalls die Leute nicht gegenseitig ab. Mit den Muslimen lebt man zusammen: Christen und Muslime beweinen ihre Toten gemeinsam, besuchen sich zu den Festen, grüßen sich zu speziellen Anlässen. Frauengruppen von Christen und Muslimen arbeiten z. T. miteinander an Projekten. „Die Muslime kennen auch unsere Lieder, sie singen sie gern mit…“

AIDS: Horror. Mittlerweile sprechen unsere Partner ganz offen über diese Geißel, die in den Gemeinden wütet. Täglich müssen Personen beerdigt und Kinder, Waisen also, untergebracht werden. Nicht immer funktioniert die Großfamilie, teilweise wegen gesellschaftlicher Veränderungen, teilweise, weil die Krankheit die Familie destabilisiert hat. Die Kirche führt Schulungsprogramm für Pastorinnen und Pastoren sowie für Evangelisten und parish worker durch, um diese zu befähigen, vor Ort aufzuklären, zu warnen, Kranke und Sterbende zu begleiten. Eine immense seelsorgerliche Aufgabe stellt sich. Die Regierung tut, was sie kann, aber das Land ist riesig, die Krankheit überall, und die Mittel begrenzt…

Finanzen: Ein weiteres, ganz ernstes Kapitel. Die Gemeinden müssen von ihren spärlichen Einnahmen (Kollekten, Spenden) 25% für den Kirchenkreis, die Diözese und die Gesamtkirche abführen. Sie erhalten nichts, Tansania hat natürlich kein Kirchensteuersystem. Von ihren verbleibenden Einnahmen haben die Gemeinden alle hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu bezahlen, was ein Ding der Unmöglichkeit ist. (Es hat in unserer Partnerregion seit Jahren keinen vernünftige Ernte mehr gegeben). Folge: Pastorinnen und Pastoren sowie Evangelisten erhalten einen kleinen Bruchteil des ihnen zustehenden Gehalts, einige hungern, alle leben in demütigend primitiven Verhältnissen.

Privatisierung: Das ist ein besonders Kapitel. Mitten in Arushachini, dem Nordteil der Partnerregion, befindet sich die große Zuckerfabrik und –plantage T.P.C. (Tanganyika Planting Company), 1999 wurde sie privatisiert. Die neuen Inhaber wollen die Beschäftigtenzahl von 4800 auf 2800 senken und die Produktivität erhöhen. Gleichzeitig investieren sie erheblich in die marode Anlage. Häuser, die der Gesellschaft gehören, wurden bisher kostenlos von den Gemeinden, auch als Mitarbeiterwohnhäuser, genutzt.  Das ist vorbei, nun ist Miete zu zahlen. Woher nehmen? Das Betriebskrankenhaus dient nach wie vor auch als Bezirkskrankenhaus, aber nun kostet schon die Aufnahme Geld, und außer den Firmenangehörigen und ihren engsten Familienangehörigen zahlen Patientinnen und Patienten höhere Summen als bisher. Dies bringt natürlich Probleme: Die Leute wandern massenweise ab und lassen sich in der Umgebung nieder; die Gemeinden können die Miete für die bisher von ihnen genutzten Gebäude nicht aufbringen; viele Menschen bekommen keine Krankenhausbehandlung mehr, weil sie zu arm sind. Für Kommunalpolitik, aber auch die Kirchengemeinden stellen sich Aufgaben. Aber sie haben keine oder viel zu geringe Mittel, sie zu erfüllen.

Die Privatisierung war seit langem absehbar, und sie war - trotz ihrer nachteiligen Folgen - einfach unumgänglich: Die Firma verfiel zusehends, in absehbarer Zeit wäre sie vermutlich nicht mehr arbeitsfähig gewesen, und dann hätten alle Mitarbeiter keine Zukunft mehr gehabt. 

2. Zu den Projekten:

Die Maismühlen, die 1998 installiert wurden, arbeiteten ein Jahr gewinnbringend, seitdem bringen sie kein Geld mehr ein (verschlingen glücklicherweise auch keins), weil es seitdem keine regelmäßige Ernte mehr gegeben hat, es ist also kein Mais z mahlen, und wenn, dann in solch geringen Mengen, dass unsere recht stabilen und starken Mühlen dafür zu groß sind.

Solarbeleuchtung: Das Versuchsprojekt in Msitu wa Tembo ist begeistert begrüßt worden. Die Nutzer des Projekts bezahlen einen Beitrag, der ungefähr dem Kerosinverbrauch entspricht, die Lampen funktionieren. Es ist abgesprochen, dass die Partner in Tansania eine Liste des Bedarfs erstellen und das Projekt differenziert begründen, damit wir auch bei Organisationen, Stiftungen etc. Gelder beantragen können. Ca. 75% der Partnerregion verfügen nicht über Strom, da ist ein erheblicher Bedarf an Solarlampen.

Jugendwerkstatt TPC: Es besteht hauptsächlich Bedarf an Werkzeugen und Ersatzteilen für Werkzeuge. Ansonsten läuft die Ausbildung, es bleibt zu überlegen, inwieweit Marienwerder und Stötteritz Ersatz für Werkzeuge finanzieren. Die Partner werden auch hierfür eine Liste des Bedarfs mit Kostenangaben erstellen.

Ausbildungsfonds: Mittlerweile fließen jährlich Zinserträge in Höhe von € 1050,00 (mit steigender Tendenz) aus einer für diesen Zweck gebildeten Rücklage nach Arushachini und Chemchem. Damit wird die berufliche Ausbildung von10 Jugendlichen unterstützt, die sonst nach Abschluss der Grundschule (8 Jahre) chancenlos da ständen.

Laufende Gehaltsunterstützung: Marienwerder und Stötteritz sagen zu, weiterhin jährlich einen spürbaren Beitrag zu den Gehältern der hauptamtlichen Gemeindemitarbeiterinnen und -mitarbeiter zu zahlen. Das erweist sich nach den berichten der Delegation als bitter nötig. Es ist schon vorgekommen, dass fähige Leute zu anderen Gemeinden oder Konfessionen abgewandert sind, weil diese mehr bezahlen konnten.

Bau – Fonds: Angesichts der vielen Bauvorhaben und der desolaten finanziellen Situation haben Marienwerder und Stötteritz sich nicht auf Zusagen einlassen wollen. Aber wir werden in den nächsten gemeinsamen Treffen überlegen müssen, was dringlich sein könnte. Beispielsweise plant die Gemeinde TPC, ein Wohnhaus für mehrere Gemeindemitarbeiter zu bauen, die sonst auf der Straße säßen – denn die Zuckerfabrik will ja jetzt Mieten haben, die die Gemeinde nicht lange bezahlen kann.

Fahrräder: Eine Bitte des Komitees, die uns unmittelbar einsichtig erschien: Vor etwa 15 Jahren hatte Marienwerder – das war durch eine Einzelspende möglich geworden – 18 Fahrräder für die Mitarbeiter der Partnergemeinden bezahlt. Nun musste Ersatz beschafft werden, denn es bedeutet immensen Kraft- und Zeitverlust für die Gemeindemitarbeiter, alle ihre weiten Wege bei jedem Wetter zu Fuß zurücklegen zu müssen. Gerade bei Kranken und Sterbenden ist schnelles Erscheinen wichtig. Es wurde beschlossen, 25 Fahrräder zu bezahlen, die Gemeinde Stötteritz hatte schon 5 zugesagt. 

4. Die Delegation wurde von uns mit einem Abschiedsgeschenk für die 5 Gemeinden verabschiedet, das sie in Entzücken versetzte: wir gaben ihnen 5 Abendmahls – Gießkelche und dazugehörige Patenen aus Edelstahl mit. Es war davon die Rede gewesen, dass manche Abendmahlsfeiern mit einfachen Trinkgläsern und Holztellern stattfinden müssten – das empfinden unsere Partner ebenfalls als sehr ärmlich und auch als ehrfurchtslos gegenüber dem Heiligen Abendmahl. Wir dachten, genau dies Abschiedsgeschenk wäre wohl dazu geeignet, zu unterstreichen, dass unsere Partnerschaft, unsere Verbundenheit am tiefsten wurzelt in der gemeinsamen Teilhabe an Jesus Christus, und die wird ja nun im Abendmahl gefeiert und ausgedrückt. 

5. Schluss: Die Partnerschaft existiert und lebt. Gott sei Dank. Wer ist bereit, sich im Jahr 2003 nach Tansania senden zu lassen und and er Partnerschaft weiter zu bauen?